Editorial

Die Architekten lassen keinen Zweifel offen, dass Häuser für den Gebrauch gebaut werden müssen. Sie sollen tauglich sein für den Alltag und die Feierstunden ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Handwerk ist eine gute Bezeichnung für diese Arbeit, die am Puls des Lebens fühlt. Handwerk im Sinne von Wissen um die Eigenschaften und die Ausstrahlung von Raum, Form und Material.

Sie bauen mit einer klaren, einfachen Sprache der Architektur. Eine Mauer ist tatsächlich eine Mauer und der Kubus kantig. Holz oder Beton, Stahl und Stein sprechen als Material, das wir mit den Händen greifen können. Die Häuser atmen und strahlen einen herben Charme und einen Hauch von Sinnlichkeit aus.

Geschichtsbewusst
Bilder der Erinnerung steigen auf. Diese Architektur nährt sich auch aus geschichtlichen Wurzeln. In einer tiefen Schicht sind die solide Backsteinmauer der alten Fabrik, die karge Fassade der Mietskaserne, der handwerklich einfache Holzschuppen, das Reihenhaus der frühen Moderne unter den zeitgemässen Antworten abgelagert. In neueren Projekten schimmert auch die Architektur der Funktionalität aus den 60er Jahren durch. Es ist nicht Anbiederung an die Geschichte, was die Architektur bewegt, und schon gar nicht Nostalgie der Arbeiterkultur. Die Anlehnung an schlichte Haustypen hat gute Gründe. Der Zweckbau der früheren Industrialisierung hat die schweizerische Baukultur geprägt und sich im kollektiven Gedächtnis tief verankert. Auch die grafische Bilderflut hat diese überlieferten Zeichen der Alltagskultur nicht verdrängen können. Auf dieser Schicht weiterbauen bewirkt, dass die neuen Häuser irgendwie vertraut scheinen.

Kein Haus ohne Ort
Die Architekten wollen Nähe schaffen und einbetten in Vorhandenes. Sie schauen sich den Ort und seine Merkmale genau an, bevor sie entwerfen und bauen. Traurig erzählen sie, wie in Liestal ein Park mit alten Bäumen über Nacht gerodet wurde. Hatten sie doch das Konzept des kleinen Wohnhauses ganz auf diese Natur ausgerichtet. Ohne sie hat auch die Architektur einen Teil ihres tiefen Grundes verloren. Haus und Ort gehören zusammen. Die Eigenart der Landschaft, die Bodenwelle, die Häuser der Nachbarn, sie prägen, ob man will oder nicht. Der Architekt kann mit seinem Entwurf darauf eingehen, ergänzen, aufwerten, ordnen oder sich abgrenzen. Er greift mit dem neuen Gebäude in den Raum ein, wie man mangels eines sinnlicheren Begriffes in abstrakter Weise zu sagen pflegt. Denn bereits in den Entwürfen von den Architekten wird sichtbar, dass sie kein Abstraktum, sondern erfahrbare Nachbarschaft zu Natur, Häusern und Menschen suchen.
Die Häuser der Siedlungen – die Arbeit des Büros ist durchzogen vom Siedlungsentwurf – stehen in bewusster Ordnung zueinander, in einer spielerischen allerdings. Die Zeiten der seriellen Minimalwohnung im eintönigen Kubus auf der vom Geometer vermessenen Parzelle sind weit entfernt. Die Architekten arbeiten mit einer Art Baukasten von Häusern und Wohnungen, die sie virtuos variieren und räumlich spannungsvoll kombinieren. Die Siedlung soll ein Erlebnis sein und nicht ein Korridor.

Sein nicht Schein
Die Häuser sind stets so preisgünstig wie sie aussehen. Und sie sind nicht mehr und nicht weniger, als was sie preisgeben. Die Architekten gehen mit ihren architektionischen Mitteln sparsam um, weil sie wissen, wo die Grenzen der Wirkung liegen. Sie brauchen nicht gestenreich aufzutrumpfen, da sie ihre Fassaden, Treppen und Fenster mit sicherer Hand gestalten. Die einfache Form überzeugt, da sie – kleine Dimensionen inbegriffen – in sich stimmig ist. Und ein Geländer aus Metall braucht in der Wohnung nicht anders auszusehen als in einer Fabrik. Die gradlinige und unkomplizierte Art, mit der die Architekten ihre Nutzarchitektur im besten Sinne aufbauen, schafft eine Ambiance des praktischen Nutzens und lässt dem Bewohner die Freiheit, sich selber zu entfalten. Und sie lässt Elementares erleben: Der Sichtstein, der Beton, das Holz, das Metall, sie sind zum Greifen nahe.

Christoph Allenspach